Lena Luise Mattmüller
Nach meinem ersten Aufenthalt in Tansania 2022 für einen Freiwilligendienst war ich sofort verliebt. Somit war es klar, dass ich meine Zeit der Jobsuche im wunderschönen Dar es Salaam verbringen würde, anstatt im kalten Deutschland. Was mir mein erster Aufenthalt außerdem gezeigt hatte, war, wie wenig ich über Tansanias Geschichte wusste und insbesondere über die deutsche Kolonialzeit. Bevor ich im Februar 2023 zurückflog, nutzte ich daher die Gelegenheit, mich ein klein wenig weiterzubilden. Da ich auch das Land erkunden wollte, zeichnete sich rasch der Plan ab, die von der deutschen Kolonialherrschaft gebaute Eisenbahn zu nehmen, um die Spuren dieser Zeit zu erkunden. Ich hatte bereits die Städte Dodoma und Mwanza bereist, aber erst hinterher gelernt, dass diese von deutschen Kolonist*innen gegründet worden waren. Und ich konnte mich auch nicht entsinnen, diese Geschichte noch gegenwärtig gespürt zu haben, mit Ausnahme der offensichtlichen Namen wie Bismarck Rock in Mwanza. Meine Idee war daher, diesmal mit offenen Augen nach Spuren des deutschen Kolonialismus zu schauen und mich vorab so gut wie möglich zu informieren und mich ansonsten auf „Entdeckungsreise“ in die deutsche Geschichte zu begeben, wieder einmal mit dem europäischen Blick auf Tansania.
Abfahrt in Dar es Salaam
Nachdem ich es nicht nur geschafft hatte, den Bahnhof in Dar es Salaam zu finden – der koloniale Hauptbahnhof wurde gerade restauriert – sondern auch den Ticketkauf zu navigieren, stand ich schon einige Tage später vor dem alten Zug der Central Line, ehemals Mittellandbahn, der aus verschiedenen Wagen zusammengewürfelt schien. Mein Platz befand sich in der 2. Klasse, im Schlafwagenabteil. War mein Abteil für sechs Frauen ausgelegt, schloss dies automatisch jedoch auch deren Kinder mit ein. Also saßen wir zu zehnt in dem engen Abteil, inklusive Gepäck und Essen für die zweitägige Zugreise. Was mich beeindruckte, waren die Gebäude, die der Zug in einem recht gemütlichen Tempo passierte und die offensichtlich aus deutscher Zeit stammten. Hatte ich zuvor noch Schwierigkeiten dabei, deutsche Kolonialbauten zu identifizieren, erkannte ich nun mehr und mehr den deutschen Kolonialstil der Bahnhöfe. An einem stand sogar das deutsche Wort „Halt“ auf einem großen Schild geschrieben und auch auf einer der Ruinen, an denen der Zug vorbeifuhr, konnte ich das deutsche Wort „Speisehaus“ lesen.
Ankunft in Kigoma
Nach knapp 45 Stunden Fahrt erreichten wir Kigoma, im Westen Tansanias am Tanganyikasee. Der gilt als einer der tiefsten und ältesten Seen der Welt. Vor uns tat sich der eindrucksvolle Kolonialbahnhof auf, welcher auch das Ende der Strecke markiert. Bereits vom Zug aus konnte ich mein nächstes Ziel sehen: die Liemba, ein ehemaliges Kanonenboot, das Deutschland während des Ersten Weltkriegs mit ebenjener Eisenbahn, mit der auch ich nach Kigoma gekommen war, an den Tanganyikasee transportieren ließ. Ich hatte vorher herausgefunden, dass das Schiff damals noch den deutschen Namen „Götzen“ trug. Da ich aktuelle Informationen zur Liemba leider nicht finden konnte, war ich umso glücklicher, dass das Schiff wirklich im Hafen lag. Nachdem ich den Hafenmitarbeitern eine „Eintrittsgebühr“ gezahlt hatte, durfte ich auf das Dock und wurde auf dem Schiff herumgeführt. Dort erfuhr ich, dass die Liemba restauriert werden soll, um wieder als Passagierschiff nach Sambia zu fahren, so wie auch die vergangenen 100 Jahre. Die nächsten Tage verbrachte ich in Kigoma mit der erfolglosen Suche nach dem Jagdschloss von Kaiser Wilhelm. Schon mein Guide zur Liemba hatte mich als offensichtliche Interessentin an dem Schiff identifiziert, verstand aber nicht, was Leute „so wie mich“ zu dem rostigen Kahn zog.
Zwischenstopp in Tabora, Dodoma und Iringa
Auf meinem Rückweg nach Dar fuhr ich per Bus, mit Halten in Tabora und der Hauptstadt Dodoma, beides Zentren der ehemaligen deutschen Kolonialverwaltung. Die Hauptstadt im Zentrum des Landes wurde 1907 von deutschen Kolonialisten gegründet, doch auch dort – wie in Tabora, das mit dem Bau der Eisenbahn ein Handelszentrum für Deutsche wurde – gestaltete sich die Suche nach den kolonialen Überbleibseln schwierig. Ich war nicht in der Lage mit Internetrecherchen und meinen eingeschränkten Kenntnissen zur Geschichte Gebäude oder wichtige Orte der Kolonialzeit zu identifizieren.
Dies änderte sich erst in Iringa, im südlichen Hochland Tansanias. Die Stadtentstehung war direkte Konsequenz aus dem Hehe-Krieg, der zwischen 1891 und 1898 vor allem in der Region um Iringa stattfand. Die Hehe unter der Führung ihres Chiefs Mkwawa, kämpften gegen die deutschen Kolonialherren, wurden aber schließlich besiegt. Daran erinnern bis heute Museen und heilige Stätten in der Stadt. Besonders die geführten Touren der 1894 errichteten Boma waren aufschlussreich. Die Führung wartete mit einem interessanten Mix aus Kolonial- und lokaler Kulturgeschichte über die Hehe auf, eine Gemeinschaft, die für ihre Tänze, Musik und ihr traditionelles Handwerk bekannt ist.
Im Norden nach Moshi und Arusha
Auch auf späteren Zugfahrten, entlang der ersten Eisenbahn in Tansania, der Usambara-Bahn, die einst in Moshi mit dem deutschen Bahnhof endete, konnte ich noch den Einfluss der Kolonialzeit sehen. Im touristischen Arusha gab es zudem auch ein Museum in der ehemaligen Boma mit einer Ausstellung zur Kolonialzeit. Selbst der neu gebaute SGR Schnellzug zwischen Dar und Dodoma, der seit 2024 im Dienst ist, folgt dem Streckenverlauf der deutschen Kolonialbahn und nutzt ehemalige Doppelstockwagen der Deutschen Bahn.
Am Ende meiner Reise angekommen, machte sich bei mir ein ambivalentes Gefühl des Staunens breit: Darüber, wie stark Tansania bis heute in seiner Infrastruktur – sei es in Form von Städten oder Transport – von der deutschen Kolonialherrschaft geprägt ist. Und auch ein Staunen darüber, wie wenig dieses Wissen in Deutschland – und zuvor auch bei mir – präsent ist. Aus dem Staunen wuchs immer mehr Scham, angesichts meiner eigenen Unwissenheit über diese Überbleibsel der deutschen Fremdherrschaft, die die Tansanier*innen tagtäglich sehen und nutzen. Gebäude, Geschichten, Bahnen und Namen der deutschen Kolonialherrschaft leben in Tansania weiter, während sie für mich so lange versteckt blieben und es oft noch bleiben.









