Henriette Seydel
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ERINNERUNGSKULTUREN IM WANDEL
1918-1933: Exotisierung und Revisionismus
Mit dem Versailler Vertrag von 1919 verlor Deutschland seine Kolonien an die Alliierten. In Deutschland wurde dies als „Kolonialschuldlüge“ bezeichnet – ein Ausdruck revisionistischer Kolonialbewegungen. Gleichzeitig boomten Exotikund Kommerz in Völkerschauen oder in Kolonialwarenläden mit rassistischer Werbung für Kaffee, Schokolade und Rum. Reiseberichte, Romane und Filme romantisierten das koloniale Erbe als abenteuerlich und heldenhaft. Denkmäler wurden errichtet und Straßen nach „Kolonialhelden“ wie Hermann von Wissmann oder Paul von Lettow-Vorbeck benannt.
1933-1945: Kolonialheldentum und Rassismus
1939 wurde in Hamburg das Deutsch-Ostafrika-Kriegerdenkmal errichtet, das Paul von Lettow-Vorbeck und Askari abbildet. In der Weimarer Republik vergessen beziehungsweise verschwiegen, wurde im Nazi-Deutschland Carl Peters wieder salonfähig. Der brutale Kolonialherr wurde als Idealbild deutscher Männlichkeit, Tapferkeit und weißen Herrenmenschentums gefeiert. Imperialist*innen forderten den Rückerwerb der Kolonien und träumten von einem deutschen „Mittelafrika“, das als neuer Siedlungsraum, Rohstoffquelle, Absatzmarkt und zur Arbeitskräfterekrutierung dienen sollte. Für die Nationalsozialist*innen war hingegen zunächst die Erweiterung des „Lebensraum“ in Osteuropa das Ziel. Die Kolonialvergangenheit war außerdem sichtbar in der Präsenz Schwarzer und asiatischer Menschen im Deutschen Reich, zum Beispiel derjenigen Kolonialmigranten, die vormals als Askari gedient hatten, Missionsschüler*innen, Künstler*innen aus Völkerschauen oder Musiker*innen, sowie Schwarzer Deutsche. Unterbaut mit einer Rassenideologie, die schon zu Kolonialzeiten pseudowissenschaftlich legitimiert wurde, wurden Nicht-Weiße, Nicht-Arier*innen diskriminiert, geächtet, ihrer Rechte beraubt und in Konzentrationslagern ermordet.1
1945 – 1967: Etablierung ost- und westdeutscher Zusammenarbeit mit Tanganyika und Sansibar
Nach dem Zweiten Weltkrieg spielte eine kritische Auseinandersetzung mit der Kolonialvergangenheit kaum eine Rolle und rassistische Stereotype bestanden fort. In der DDR wurde die Verantwortung für die gewaltsame Unterdrückungsgeschichte Westdeutschland zugeschrieben. Kolonialdenkmäler wurden entfernt und afrikanische Unabhängigkeitsbewegungen als Teil des weltweiten Proletariats unterstützt. Zwischen DDR und Tanganyika bestand kulturelle, wirtschaftliche und akademische Zusammenarbeit. Einfluss hatte die DDR aber auch auf den sansibarischen Geheimdienst, der wie die Stasi Methoden der Einschüchterung und Überwachung einsetzte. In der BRD zeichneten Medien, Filme, Bücher und Werbung ein Afrikabild von Hunger, Armut und Hilfsbedürftigkeit. Unter der Überschrift Entwicklungshilfe wurden wirtschaftliche sowie infrastrukturelle Projekte finanziert und mit Fachkräften unterstützt. Die BRD war bis 1964 drittgrößter Geldgeber Tanganyikas.
1968 – 1990: Solidarität und Nostalgie
Die 1968er- und Dritte-Welt-Solidaritätsbewegung kritisierten den beschönigenden Umgang mit der eigenen Vergangenheit. Mitunter gaben Austausche mit Studierenden aus dem Globalen Süden den Ausschlag für die Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe. In einigen westdeutschen Städten wurden daraufhin Kolonialdenkmäler mit kritischen Texttafeln ergänzt oder in Mahnmale umgewidmet. Antikoloniale Haltungen verblieben jedoch vorwiegend in zivilgesellschaftlichen Kreisen, vor allem in Diaspora- und afrodeutschen Gemeinschaften. Ein Großteil der Bevölkerung vergaß und ignorierte die Kolonialvergangenheit entweder oder erinnerte sich ihrer nostalgisch. Der „Dritte-Welt-Tourismus“ in Länder des globalen Südens begann sich zu etablieren. Die wiederaufgenommene Entwicklungszusammenarbeit der BRD in Tansania wurde teilweise hinterfragt. Projektruinen, Verschuldung, Sprachprobleme und verbaute Aufstiegschancen für einheimische Fachkräfte verfestigten Abhängigkeiten, so die Kritiker*innen.
1990-2004: Koloniale Amnesie und Kritik
Nach der Wiedervereinigung blieb die Afrikapolitik Deutschlands randständig. Die Bundesrepublik verstand sich als vergleichsweise wenig belastet durch koloniale Vergangenheit, was als „koloniale Amnesie“ bezeichnet wird. In den Nullerjahren erlebten auch Afrikafilme und -romane ein Comeback; nicht als Auseinandersetzung mit Kolonialgeschichte, sondern als Inszenierung Afrikas als romantischen Sehnsuchtsort voller Ursprünglichkeit und Abenteuer. Ein Wendepunkt war die Entschuldigung für deutsche Kolonialverbrechen der Entwicklungsministerin Wieczorek-Zeul 2004 in Namibia – eine Geste, von der sich die Bundesregierung später distanzierte, um Reparationsforderungen zu vermeiden. Diese Rede spiegelte die wachsenden postkolonialen, kritischen Debatten in Wissenschaft und Zivilgesellschaft wider.
2005 – 2025: Dekolonisierung und Neokolonialismus
2005 erschienen weder zur Errichtung einer Gedenkstele an die sogenannte Kongokonferenz noch zu Gedenkveranstaltungen anlässlich 100 Jahre Maji-Maji-Krieg in Berlin Regierungsvertreter*innen. Es waren wieder einmal deutsche und tansanische zivilgesellschaftliche, kirchliche und akademische Akteur*innen, die Kolonialismus thematisierten. Bis heute engagieren sich zahlreiche NGOS, lokale Postkolonial-Initiativen, afrodeutsche und afrikanische Schwarze und BiPoC, sowie Wissenschaftler*innen in der dekolonialen Antirassismus- und Bildungsarbeit. Sie veranstalten Stadtrundgänge, Lesungen, Filmabende oder Podiumsdiskussionen, erstellen Filme, Podcasts, Zeitungsartikel und Bücher, führen Demonstrationen und Kunstprojekte durch, und fordern Straßenumbenennungen und Restitutionen. Auch im Kunst- und Kultursektor findet das Thema seinen Platz: in Museen, Ausstellungen, Tanz- oder Theaterprojekten. Die steigende Anzahl gemeinsamer Forschungsprojekte wie beispielsweise das Humboldt Lab oder eine deutsch-ruandische Zusammenarbeit zur Erforschung von Human Remains aus Ruanda und Tansania verweisen auf ein akademisches Umdenken zu transnationalen Kooperationen.
Einen anderen Erinnerungsschwerpunkt hingegen setzen kolonialrevisionistische Akteur*innen, die gefallener deutscher Soldaten gedenken, Kolonialverbrechen relativieren, koloniale Errungenschaften hervorheben oder Militaria sowie Briefmarken aus der Kolonialzeit sammeln. En vogue sind weiterhin Kolonialwarenläden oder Möbel im Kolonialstil, die nostalgisch an eine „gute alte Zeit“ erinnern wollen. Medien, Werbung für touristische Reisen in afrikanische Länder oder Entwicklungsprojekte bedienen teilweise weiterhin rassistische und koloniale Stereotype, Eurozentrismen und Exotismen.
Nach der Bundestagswahl 2018 wurde das Thema Kolonialismus erstmals im Koalitionsvertrag erwähnt und erläutert, dass neben dem geschichtlichen Erbe der DDR und Nazivergangenheit das Kolonialerbe einen Platz im kollektiven Gedächtnis finden soll. 2023 bat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier während seiner Tansaniareise um Vergebung für die kolonialen Gewalttaten. Ein kolonialgeschichtliches Museum, bundesweite Gedenktage oder ein zentrales Mahnmal für die Opfer deutscher Kolonialherrschaft sind bislang nicht realisiert worden.
Solange Tansanier*innen auf der Suche nach Human Remains sind, eine unbekannt große Zahl von Kulturgütern in deutschen Museen, Archiven und Kellern liegt, quer durch die Republik weiterhin Straßen benannt sind nach Kolonialverbrechern, es immer noch Statuen gibt, die diese als Helden bejubeln, und das Unwissen über die Kolonialverbrechen der Deutschen in der Bevölkerung groß ist, bleibt die dekoloniale Aufarbeitung der deutsch-tansanischen Kolonialvergangenheit in Deutschland ein großes Stück wichtiger Arbeit.
KOLONIALE SPUREN IN DEUTSCHLAND
Hannover: Carl-Peters-Denkmal
Das Carl-Peters-Denkmal in Hannover von 1930, wurde nach langjährigen Debatten 1988 mit einer Mahntafel gegen den Kolonialismus ergänzt, die die ursprüngliche Inschrift „Dem großen Niedersachsen Carl Peters, der Deutsch-Ostafrika für uns erwarb“ verdeckt. Aktivist*innen streiten für eine Entfernung des Denkmals. (> Centre for Atlantic and Global Studies)
Hamburg: Tansania-Park und Deutsch-Ostafrika-Kriegerdenkmal
Auf dem Gelände der ehemaligen Lettow-Vorbeck-Kaserne steht im sogenannten Tansania-Park das „Deutsch-Ostafrika-Kriegerdenkmal“. Hier wurden bis 1990 Rekrut*innen von der Bundeswehr ausgebildet und zusammen mit dem Traditionsverband ehemaliger Schutz- und Überseetruppen jährlich Kränze niedergelegt. Park und Denkmal bleiben Gegenstand kontroverser Debatten. (> Hamburg Postkolonial)
München: Tanga-Straße
In der bayrischen Metropole, aber auch in Köln und Berlin sind Straßen nach der „Schlacht bei Tanga“ benannt. 1914 gewannen die Deutschen gegen die britisch-indischen Truppen. General Paul von Lettow-Vorbeck wurde als Held gefeiert. Die Tatsache, dass hunderttausende Afrikaner*innen – Askari-Soldat*innen und die dort lebende Bevölkerung – durch diese Kämpfe an der ostafrikanischen Küste starben, wurde ignoriert. (> mapping.postkolonial.net :: Tangastraße)
Berlin: Peters-Allee
Nach Jahrzehnten des zivilgesellschaftlichen Engagements vor allem aus der afrikanischen/Schwarzen Community wurde die 1939 von den Nationalsozialisten benannte Petersallee in Maji-Maji-Allee und Anna-Mungunda-Allee umbenannt. Damit wird nicht mehr einer der grausamsten Kolonialverbrecher geehrt, sondern die Maji-Maji-Widerstandsbewegung sowie eine Anti-Apartheid-Kämpferin der Ovaherero gewürdigt. (> Berlin Postkolonial)
Würzburg: Bismarck Rocks
Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Mwanza-Würzburg-Städtepartnerschaft wurde 2016 eine Kopie des Wahrzeichen der Stadt Mwanza, den Bismarck Rock im Viktoriasee, aufgestellt. Kritische Stimmen fordern eine Umbenennung der Bismarck Rocks – sowohl in Mwanza als auch in Würzburg, damit nicht Reichskanzler Otto von Bismarck, der Schlüsselfigur der Kolonialisierung Afrikas war, weiter geehrt wird. (> Botschafter von Tansania fordert: Würzburger Bismarck Rock umbenennen!)
Weiterführende Informationen
- Burton, Eric (2021): In Diensten des Afrikanischen Sozialismus. Tansania und die globale Entwicklungsarbeit der beiden deutschen Staaten, 1961–1990. Berlin/Boston: Walter de Gruyter.
- Haug, Frederik (2018): Verbrannte Erde. Die Haltung der Bundesregierung hinsichtlich des kolonialen Gewalthandelns des Deutschen Kaiserreichs in Deutsch-Ostafrika. Potsdam: Universitätsverlag.
- Heyden, Ulrich van der & Benger, Franziska (2009): Kalter Krieg in Ostafrika. Die Beziehungen der DDR zu Sansibar und Tansania. Münster: LIT Verlag
- Heyden, Ulrich van der & Zeller, Joachim (2007): Kolonialismus hierzulande – Eine Spurensuche in Deutschland. Erfurt: Sutton Verlag.
- Mietzner, Angelika & Storch, Anne (2025): Koloniale Kontinuitäten: Afrikabilder und Tourismus in der deutschen Provinz. Bielefeld: Transcript.
- Schilling, Britta (2014): Postcolonial Germany. Memories of Empire in a Decolonized Nation. Oxford: University Press.
- Zeller, Joachim & Bechhaus-Gerst, Marianne (2021): Deutschland postkolonial? Die Gegenwart der imperialen Vergangenheit. Berlin: Metropol.
- Zimmerer, Jürgen (2013): Kein Platz an der Sonne – Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte, Weinheim: Campus Verlag.
- Ein prominentes Beispiel ist der ehemalige Askari Bayume Mohamed Husen, der in Deutschland als Filmschauspieler und Swahili-Sprachlehrer arbeitete, dann im KZ Sachsenhausen umgebracht wurde. 2007 wurde in Berlin ein Stolperstein (eine in den Boden verlegte Gedenktafel) für Husen errichtet – der erste für ein Schwarzes Opfer der NS-Herrschaft. ↩︎





